Generationen nach der Shoah - die Dringlichkeit von heute

Generationen nach der Shoah - die Dringlichkeit von heute

Applaudierendes Publikum

Fachtagung in Frankfurt

Vom 8. bis 10. Dezember 2025 fand erstmals in einem länderübergreifenden Kooperationsformat zwischen der ZWST, dem Beratungsstellenverbund OFEK, dem Psychosozialen Zentrum ESRA Wien und der Klinik Barmelweid in der Schweiz die Fachtagung „Generationen nach der Shoah – Die Dringlichkeit von heute“ in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main statt. Gefördert durch die Aktion Mensch, stand die psychosoziale Unterstützung von Überlebenden der Shoah und ihren Nachkommen im Mittelpunkt – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller multidimensionaler Krisen. Das Format knüpfte an die von Noemi Staszewski sel. A. etablierte Tradition internationaler Fachkonferenzen zu transgenerationalen Folgen der Shoah an. Für Ilya Daboosh (Leiter des Sozialreferates) der ZWST, war es ein wesentliches Anliegen, diese Arbeit in einem aktualisierten Rahmen fortzuführen. Die Tagung mit rund 130 Teilnehmenden bündelte fachlichen Austausch sowie fachübergreifende Vernetzung und machte aktuelle Bedarfe von Fachkräften und Interessierten mit biografischem Bezug zur Shoah im deutschsprachigen Raum sichtbar.  

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche – die Zäsur des 7. Oktober 2023, erstarkender Antisemitismus, der Krieg gegen die Ukraine sowie die zunehmende soziale Prekarität jüdischer Lebensrealitäten – erzeugen neue Belastungen für Überlebende und nachfolgende Generationen. Für psychosoziale, therapeutische und sozialarbeiterische Praxis bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Zum einen müssen bewährte Konzepte fortgeführt, zum anderen neue Zugänge entwickelt werden, die transgenerationale Traumadynamiken und aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse gleichermaßen in den Blick nehmen. 

Gerahmt wurde die Tagung von drei Keynotes, die unterschiedliche Perspektiven auf historische Tiefenschichten und aktuelle Bruchlinien eröffneten.  

Kurt Grünberg (Frankfurter Psychoanalytiker und Mitbegründer des Frankfurter Treffpunktes für Shoahüberlebende und ihre Nachkommen), befasst sich seit vielen Jahren in seiner Forschung mit den psychosozialen Spätfolgen der Shoah und transgenerationaler Traumatradierung. In seiner Keynote „Danach“ ging er unter anderem auf die Beziehungsmechanismen zwischen der nichtbetroffenen Außenwelt und Shoah-Überlebenden und ihren Nachfahren ein, insbesondere vor der Kulisse des 7. Oktober 2023 und der nachfolgenden Zeit. 

Die zweite Keynote „Genealogien von Verwundbarkeit: Transgenerationale Traumadynamiken nach dem 7. Oktober in Therapie und Beratung“ von Marina Chernivsky (Gründerin und Geschäftsführerin des Beratungsstellenverbundes für Betroffene antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V.  und Leiterin des KOAS) nahm die Erfahrungsräume Betroffener in den Blick. Sie bezog sich u.a. auf die aktuellen Befunde der bundesweiten Studie zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland sowie die Beratungsstatistik von OFEK e.V.  

Sabena Donath (Direktorin der entstehenden Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden) befasst sich in ihrer Forschungsarbeit mit „Transgenerationaler Erinnerung und Identität – Perspektiven jüdischer Jugendlicher auf die Shoah und die Ereignisse des 7. Oktober in Deutschland sowie im internationalen Vergleich“. In ihrer Keynote gab sie einen Ausblick auf Positionsbestimmungen der 4. Generation und deren individuelle und kollektive Einordnungen der Shoah in Bezug auf sich selbst und ihr Umfeld in Deutschland. Sie leitete daraus erste Implikationen für den Bildungsbereich ab.  

In den Workshops boten Fachkräfte von ESRA Wien, der ZWST sowie von Sozialabteilungen jüdischer Gemeinden Einblicke in Pflegekonzepte, psychosoziale und therapeutische Angebote, sozialarbeiterische Unterstützungssettings, Traumapädagogik, Ansätze für Angehörigenarbeit sowie Fragen der Gesundheitsversorgung.  

Vorgestellt wurden außerdem das „Atelier im Treffpunkt“ der Künstlerin Aviva Kaminer, das generationsübergreifende Programm „Adopt a Savta & Saba“ – eine Kooperation des Frankfurter Treffpunktes mit dem Familienzentrum der Jüdischen Gemeinde – sowie die internationale Erinnerungsinitiative „Zikaron BaSalon“. Auch das Jüdische Beratungszentrum Frankfurt und der Beratungsstellenverbund OFEK e.V. ermöglichten Einblicke in ihre Arbeit. 

Als Fortsetzung eines 2022 durchgeführten Seminars in der Klinik Barmelweid in der Schweiz leitete Joram Ronel (Psychoanalytiker und Chefarzt) gemeinsam mit Kurt Grünberg eine Großgruppe an, die Raum für Resonanz, gemeinsame Reflexion und das Erleben gruppendynamischer Prozesse bot. Viele Teilnehmende betonten, dass die Tagung ihnen erstmals seit langer Zeit wieder die Möglichkeit gab, über eigene Belastungen und über den Einfluss der aktuellen Lage auf die berufliche Praxis und das persönliche Erleben zu sprechen. 

Im Verlauf der Tagung wurde immer wieder deutlich, dass jüdische Communities historisch wie gegenwärtig ihre Fürsorgestrukturen selbst entwickeln – und dass in dieser Selbstverantwortung zentrale Antworten auf die gestiegenen Bedarfe liegen. Sowohl ESRA-Obfrau Dwora Stein als auch ZWST-Direktor Aron Schuster betonten die wachsende Bedeutung überregionaler Vernetzung, um Expertise zu bündeln und solidarische Strukturen nachhaltig zu stärken. Zugleich zeigte sich im fachlichen Austausch wie in persönlichen Gesprächen, dass die Shoah für nachfolgende Generationen nichts an Bedeutung verloren hat: Sie prägt Identität, Wahrnehmungen und Vulnerabilitäten bis heute, insbesondere in den Täterländern – und bleibt damit ein zentraler Referenzpunkt für psychosoziale, pädagogische und sozialarbeiterische Arbeit im jüdischen Kontext.