Im Gespräch mit Nicole Schulman, Leiterin der Kindertagesstätte Bereschit in Frankfurt/M.

"Da sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und die Lebenswelten von Kindern und Familien stetig verändern, ist es wichtig, dass sich auch unsere Pädagogik weiterentwickelt."
Liebe Frau Schulman, wie war Ihr Weg zu Ihrer heutigen Tätigkeit als Leiterin der KiTa Bereschit? „Diese Aufgabe ist für mich eine echte Herzensangelegenheit. Ich bin Sozialpädagogin mit den Schwerpunkten Kinder- und Jugenderziehung sowie Lernpädagogik und arbeite seit 20 Jahren in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Begonnen habe ich im Hort, später in der Eingangsstufe, in der Krabbelstube und im Kindergarten Westend. So konnte ich viele Bereiche der frühkindlichen Bildung innerhalb der Gemeinde kennenlernen. Als vierfache Mutter und ehemalige Chanicha und Madricha im Jugendzentrum bin ich auch persönlich eng mit der jüdischen Bildungsarbeit verbunden. Mein Ziel ist eine Atmosphäre, in der Kinder, Eltern und Mitarbeitende sich wohlfühlen, Vertrauen entwickeln und gemeinsam wachsen können – auf Grundlage jüdischer Werte und des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans.“
Welche Angebote und Aktivitäten organisiert die KiTa Bereschit? „Bei uns erleben die Kinder einen geschützten Raum zum Lernen, Entdecken und Ausprobieren. Unser halboffenes Konzept mit festen Bezugsgruppen bietet 62 Kindern in zwei Krippen- und zwei Kindergartengruppen einen strukturierten Alltag mit gemeinsamem Morgengebet, koscherer Verpflegung sowie musikalischer und mathematischer Frühförderung, Bewegungsangeboten und gezielter Sprachförderung. Das Freispiel nimmt in unserem KiTa-Alltag einen wichtigen Platz ein. Hier erwerben Kinder grundlegende soziale und kommunikative Kompetenzen wie Zuhören, Sprechen, Rücksichtnahme, das gemeinsame Finden von Lösungen und das Verstehen von Regeln im Miteinander. Alle Angebote werden mit viel Herz gestaltet und mit dem jüdischen Jahreszyklus verbunden – vom wöchentlichen Schabbat bis zu den Feiertagen von Rosch Haschana bis Schawuot.“
Ist die Kita in Ihrer Gemeinde inklusiv ausgerichtet? „Jedes Kind und jede Familie ist bei uns willkommen. Unser Ziel ist es, jedes Kind individuell zu begleiten und bestmöglich zu fördern. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Zusammenarbeit mit den Eltern. Offenheit, respektvoller Umgang, ein enger Austausch und die gemeinsame Begleitung von Entwicklungsprozessen sind für uns zentrale Elemente. Dafür arbeiten wir auch eng mit Frühförderstellen, Erziehungsberatungsstellen und Therapeut:innen zusammen. Supervisionen für das Team sowie runde Tische mit Eltern und externen Fachkräften gehören für uns zum pädagogischen Alltag.“
Wenn Sie hinsichtlich der finanziellen und personellen Ressourcen frei wählen könnten, inwiefern würden Sie Ihre KiTa aufrüsten? „Mehr Raum, Zeit und Personal würden es ermöglichen, den KiTa-Alltag flexibler zu gestalten und Kindern mehr Wahlmöglichkeiten zu eröffnen – etwa wo, mit wem und womit sie spielen und lernen möchten. Auch Angebote in Kleingruppen oder Rückzugsmöglichkeiten wären dadurch leichter umzusetzen, denn gerade bei vielen Kindern im Raum kann es manchmal auch viel werden. Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste für die Kinder zu gestalten.“
Seit dem 7. Oktober 2023 hat der in vielen gesellschaftlichen Bereichen vorhandene Antisemitismus stark zugenommen. Was können Sie den Kindern vermitteln? Und wie gehen Sie persönlich damit um? „Im KiTa-Bereich haben wir uns bewusst entschieden, dieses Thema mit den Kindern nicht zu besprechen. Unser Ziel ist es, ihnen weiterhin einen sicheren, liebevollen und geschützten Raum zu bieten. Wir konzentrieren uns darauf, gute Gedanken, gute Worte und gute Taten vorzuleben. Ich versuche, eine positive Haltung zu vermitteln: Jeder Mensch ist wie eine Kerze – auch ein kleines Licht kann Wärme und Hoffnung in dunkle Zeiten bringen.“
Zu Ihrer Tätigkeit gehört ein guter Kontakt zu den Eltern. Wie organisieren Sie die Kommunikation? „Der persönliche Austausch ist mir besonders wichtig. Meine Tür steht bewusst offen. Bereits beim Kennenlernen und in Elterngesprächen ermutige ich Eltern, Fragen zu stellen und Anliegen anzusprechen. Wir arbeiten professionell, mit klaren Konzepten und hohen pädagogischen Standards. Wenn Eltern etwas unklar erscheint oder sich nicht gut anfühlt, möchten wir darüber ins Gespräch kommen. Die Fachkräfte, die stellvertretende Leitung, die Assistenz der Leitung und auch ich selbst stehen den Eltern zur Verfügung. Jedes Anliegen wird ernst genommen und besprochen. Auch wenn nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann, versuchen wir gemeinsam Lösungen zu finden und Angebote entsprechend anzupassen. Zusätzlich kommunizieren wir über die KidsFox-App, Aushänge, Elternabende, Eltern-Kind-Nachmittage und Familienfeste. Eltern sind nach Absprache auch willkommen, unseren pädagogischen Kita-Alltag mitzuerleben.“
Kontinuierliche Weiterbildung, Vernetzung und Resilienzförderung sind für Ihre Arbeit wichtig. Finden Sie Zeit und Möglichkeiten, entsprechende Angebote wahrzunehmen? „Die Zeit müssen wir uns bewusst nehmen. Es ist unser Anspruch, unsere pädagogische Arbeit kontinuierlich zu reflektieren. Dazu gehört auch, regelmäßig Fortbildungen wahrzunehmen, Konzepte zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen. Da sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und die Lebenswelten von Kindern und Familien stetig verändern, ist es wichtig, dass sich auch unsere Pädagogik weiterentwickelt. Dabei stellen wir uns immer wieder die Frage: Welche Bedürfnisse haben Kinder und Familien heute – und was brauchen wir als Fachkräfte, um sie professionell und verantwortungsvoll begleiten zu können?“
Sie haben an der Fachkräftetagung für KiTas in Stuttgart teilgenommen. Was nehmen Sie für sich und für Ihre Tätigkeit mit nach Hause? „Das waren bereichernde Tage – sowohl fachlich als auch für das Gemeinschaftsgefühl. Gerade für Einrichtungen mit jüdischem Schwerpunkt ist der Austausch besonders wichtig, da wir in Deutschland in der Minderheit sind. Es ist sehr wertvoll, Kolleg:innen aus anderen Einrichtungen zu treffen, Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen. Im Bereich des Hessischen Bildungsplans gibt es viele Möglichkeiten der Professionalisierung. Gleichzeitig liegt es in unserer Verantwortung, auch die jüdische Bildung und Erziehung fachlich weiterzuentwickeln. Es geht darum zu klären: Welche Themen sind für die Einrichtungen relevant? Welche Materialien und pädagogischen Werkzeuge werden benötigt? Wie können wir uns ergänzen und gemeinsame Standards entwickeln? Solche Begegnungen schaffen Wissen, Vernetzung und eine gemeinsame Grundlage für unsere Arbeit. Vielen Dank an die ZWST für die gelungene Umsetzung.“
Was liegt Ihnen persönlich ganz besonders am Herzen im Kontext Ihrer Tätigkeit? „Kinder, Eltern und Team verstehen wir als eine Gemeinschaft, die gemeinsam Verantwortung trägt und am selben Strang zieht – zum Wohl jedes einzelnen Kindes und unserer gesamten KiTa. Ein respektvoller, wertschätzender und wohlwollender Umgang miteinander bildet dafür die Grundlage. Wenn wir einander zuhören, unterstützen und vertrauen, entsteht eine Atmosphäre, in der Kinder sich sicher fühlen, wachsen, Beziehungen aufbauen und sich gut entwickeln können.“
Vielen Dank für das Gespräch ! HvB, ZWST