
Wissenschaftliche Studie “Wahrnehmung und Umgang jüdischer Jugendlicher mit Antisemitismus online”
Das Forschungsvorhaben:
Für Kinder und Jugendliche sind digitale Räume zu zentralen Orten der sozialen Interaktion und Informationsaneignung geworden. Gleichzeitig sind diese Räume zunehmend von Hass, digitaler Gewalt und menschenfeindlichen Inhalten geprägt. Insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 ist eine verstärkte Verbreitung antisemitischer Inhalte in sozialen Medien zu beobachten. Melde- und Beratungsstellen zeigen eine hohe und steigende Zahl antisemitischer Vorfälle im Online-Bereich und einen stark gestiegenen Bedarf an Beratung mit deutlichem Schwerpunkt „Medien/Internet“.
Jüdische Kinder und Jugendliche sehen sich insbesondere auf Social Media mit Hass, Gewalt und Formen der Menschenfeindlichkeit konfrontiert, die sich direkt und indirekt gegen sie richten.
Dadurch erleben sie Belastungen, haben aber gleichzeitig auch ein geringes Vertrauen in Schutzstrukturen.
Forschungslücke:
Bislang fehlt es an empirischen Erkenntnissen darüber, wie sie diese Inhalte wahrnehmen, verarbeiten und bewältigen und welche Auswirkungen sich daraus sowohl auf ihre digitale als auch auf ihre analoge Lebenswelt, ihr Wohlbefinden, und ihr Sicherheitsgefühl ergeben, welche Unterstützungsbedarfe daraus folgen und welche Forderungen in Richtung Politik, Gesellschaft und Plattformen gerichtet werden sollen.
Hier setzt das Forschungsprojekt „Wahrnehmung und Umgang jüdischer Jugendlicher mit Antisemitismus online“ an.
Ziel der Studie:
Ziel des Projekts ist es darum, systematisch zu untersuchen, wie jüdische Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren antisemitische Inhalte in digitalen Räumen wahrnehmen, welche Auswirkungen dies auf ihr Nutzungsverhalten, ihr Sicherheitsempfinden sowie ihre psychosoziale Lebenssituation hat, welche individuellen sowie kollektiven Bewältigungsstrategien sie haben und wo sie Unterstützung bekommen bzw. sich Unterstützung wünschen. Die Studie stellt damit also die Perspektive der Jugendlichen in den Mittelpunkt, um wirksame Schutz- und Unterstützungsansätze abzuleiten.
Es werden daraus ein Bericht und Handlungsempfehlungen für Politik, Bildung, Plattformen und Beratung/Soziale Arbeit, Transfermaterialien (z. B. Kurzfassung, Präsentation, Handreichungsbausteine) verfasst und Netzwerkveranstaltung durchgeführt.
- Prävalenz & Formen: Erhebung, wie häufig, in welchen Kanälen und in welchen Erscheinungsformen antisemitische Inhalte wahrgenommen werden (inkl. codierter/impliziter Formen).
- Auswirkungen: Quantifizierung von Zusammenhängen zwischen Antisemitismus-Exposition und Belastung, Angst, Vermeidungsverhalten, Sicherheitsgefühl sowie wahrgenommener gesellschaftlicher Stimmung.
- Bewältigung & Ressourcen: Erfassung von Coping-Strategien (z. B. Melden, Blockieren, Rückzug, Gespräch im Umfeld) und deren wahrgenommener Wirksamkeit.
- Online–Offline-Verknüpfung: Erhebung, wie Betroffene den Zusammenhang zwischen Online-Erfahrungen und Offline-Erfahrungen (Schule, Ausbildung/Uni, Freizeit, Gemeinde) einschätzen.
- Bedarfe & Empfehlungen: Ableitung von praxisnahen Handlungsempfehlungen für Politik, Bildung, Plattformen und Beratung/Soziale Arbeit, inkl. Material-/Transferbausteinen.
Das Forschungsprojekt wird durch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) e.V. in Kooperation mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, dem Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und dem Arbeitsbereich Sozialwissenschaftliche Antisemitismus am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen realisiert. In der ZWST ist die Studie im Fachbereich Digitale Transformation angesiedelt und wird durch diesen koordiniert.