Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST, Ausgabe 2-2026

Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST, Ausgabe 2-2026

Aron Schuster am PC

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde, 

die Sommerausgabe der ZWST informiert macht deutlich, was jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland auszeichnet: Sie verbindet Tradition mit Innovationskraft und Zukunftsorientierung. Die Beiträge dieser Ausgabe zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig Menschen, Einrichtungen und Projekte unter dem Dach der ZWST wirken – und wie sehr sie von einem gemeinsamen Anliegen getragen werden: Menschen zu stärken und Gemeinschaft zu ermöglichen. 

Zugleich fällt die Lektüre in eine Zeit intensiver Debatten über die Zukunft des Sozialstaats. Angesichts steigender Kosten im Gesundheits- und Pflegesystem, wachsender sozialer Bedarfe und zahlreicher Reformvorhaben wird vor allem über Finanzierung und Effizienz diskutiert. Dabei gerät eine entscheidende Frage häufig in den Hintergrund: Wer wird die soziale Arbeit von morgen leisten? Wer wird ältere Menschen pflegen, Familien beraten, Zugewanderte begleiten oder junge Menschen fördern?

Ein besonderer Schwerpunkt liegt deshalb in dieser Ausgabe auf der Qualifizierung von Fachkräften und der Sicherung sozialer Infrastruktur. Der Ausbildungsfachtag „Mut zur Zukunft“ in Nürnberg zeigt exemplarisch, wie jüdische Einrichtungen auf eine der drängendsten Herausforderungen des Sozialstaats reagieren: die Gewinnung und Bindung qualifizierter Fachkräfte. Ebenso spiegeln die zahlreichen Bildungs-, Freizeit- und Begegnungsangebote in den Bereichen Seniorenarbeit, Familienbildung, Inklusion, Frauenförderung sowie Kinder- und Jugendarbeit die Bedeutung starker sozialer Netzwerke wider. Sie schaffen Räume für Austausch, Entlastung und Gemeinschaft – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit.

Die Arbeit der Wohlfahrtsverbände ist dabei weit mehr als die Erbringung sozialer Dienstleistungen. Sie schafft Vertrauen, stärkt Selbsthilfepotenziale und hält gesellschaftlichen Zusammenhalt dort aufrecht, wo staatliche Strukturen allein nicht ausreichen. Gleichzeitig erinnern uns die aktuellen Entwicklungen daran, dass jüdisches Leben weiterhin vor großen Herausforderungen steht. Die erneut hohe Zahl antisemitischer Vorfälle und die zunehmende Verlagerung von Hass in digitale Räume erfordern Aufmerksamkeit, politische Konsequenz und starke zivilgesellschaftliche Strukturen.

Diese Ausgabe zeigt aber auch, wie viel Kraft aus Zusammenhalt entsteht. Ob in der Arbeit mit Shoah-Überlebenden, in der Migrationsberatung, beim Chorfestival in Mannheim oder in den vielfältigen Aktivitäten unserer Jugend – überall begegnen wir Menschen, die Verantwortung übernehmen und Zukunft gestalten. Sie erinnern uns daran, dass die Zukunft des Sozialstaats nicht allein von Reformgesetzen abhängt, sondern von Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. 
Mein besonderer Dank gilt allen haupt- und ehrenamtlich Engagierten, den Gemeinden, unseren Partnern und Förderern. Ihr Engagement gibt der ZWST die Kraft, auch unter schwieriger werdenden Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben und die sozialen Strukturen zu stärken, auf die die jüdische Gemeinschaft angewiesen ist.

Ihr Aron Schuster, Direktor der ZWST