Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST, Ausgabe 3-2026

Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST, Ausgabe 3-2026

Aron Schuster am PC

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,

Anfang September, wenige Tage vor Rosch Haschana, führte uns ein Projektbesuch nach Rumänien und in die Ukraine – zu einigen der humanitären Hilfsprojekte, die wir seit 2022 gemeinsam mit unserer Mitgliedsorganisation OlamAid e.V. kontinuierlich ausgebaut haben. Ein Bild ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Zum Abschluss der Reise trafen wir jüdische Gemeinden und Organisationen im jüdischen Gemeindezentrum „Aviv“ in Tschernowitz – klein, mit viel Liebe aufgebaut, und vor allem für die vielen Binnenvertriebenen ein wichtiger Anlaufpunkt. Im Raum saßen Vertreterinnen und Vertreter der Masorti-Bewegung, der Wohlfahrtsorganisation Chesed, einer jüdischen Kulturvereinigung, der Jugendorganisation Active Jewish Teens und der orthodoxen Gemeinde. 

Wir sprachen über die aktuelle Lage, über Sorgen und Nöte, über den Krieg: über die Angst um Angehörige an der Front, über Flucht, über wirtschaftliche Existenzsorgen. Und doch war bei aller Verschiedenheit der Strömungen, Herkünfte und Generationen ein bemerkenswerter Zusammenhalt zu spüren – eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht, mit einer Resilienz, die mitten in einem seit 2022 andauernden, brutalen Krieg tief beeindruckt.

Zum Abschied gingen wir für ein gemeinsames Foto in den liebevoll gestalteten Innenhof. Dort, über die gesamte Rückwand ragte ein großes Graffiti: eine ineinandergreifende israelische und ukrainische Flagge, darüber jüdische Symbole, und in großen hebräischen Buchstaben der Satz: כל ישראלערבים זה לזה – Das ganze jüdische Volk bürgt füreinander.

Was dieser Satz aus dem Talmud in der Praxis bedeutet – gegenseitige Verantwortung, Solidarität und Fürsorge, dass niemand alleinsteht und jeder Mitverantwortung für das Wohl der Gemeinschaft trägt, wird in Tschernowitz eindrucksvoll gelebt, Menschen unterschiedlichster Strömungen und Generationen, die einander in einer der schwersten Stunden ihrer Geschichte tragen und füreinander einstehen – jeden Tag.

Es ist zugleich aber auch eine Mahnung an uns alle: zusammenzuhalten, uns nicht auseinanderdividieren zu lassen, und nicht erst auf die nächste Krise zu warten, sondern jetzt füreinander da zu sein, zu helfen, Verantwortung zu übernehmen. Gerade jetzt, wo politische Kräfte im In- und Ausland daraufsetzen, genau diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzubrechen.

Ihr Aron Schuster, Direktor der ZWST