Menschen helfen zu können, stärkt auch uns

Im Gespräch mit Gianina (Koordinatorin der Hubs in Rumänien und Moldau) und Eyal (Leiter Sicherheit und Notfallmanagement) von OlamAid e.V.
Liebe Gianina, lieber Eyal, ohne die Kooperation mit lokalen Partner-NGOs, jüdischen Gemeinden und internationalen Organisationen wäre eure breite Palette humanitärer Hilfe nicht möglich. Wie funktionieren diese lokalen Partnerschaften in der Praxis? Was sind die Erfolge und mit welchen Herausforderungen seid ihr konfrontiert?
Gianina: „In der Praxis beginnen diese Partnerschaften selten auf dem Papier – sie beginnen mit einer Herausforderung. Als im März 2022 die ersten ukrainischen Geflüchteten nach Rumänien kamen, arbeiteten wir von Anfang an mit lokalen und internationalen Organisationen zusammen, weil keine einzelne Gruppe in den ersten Stunden alles abdecken konnte, was eine Familie brauchte: Registrierung, Unterkunft, Essen und einfach jemanden, der ihnen zuhört. In den letzten vier Jahren hat sich daraus ein lokales Netzwerk in Suceava entwickelt – Organisationen wie Save the Children, World Vision, die Universität ‚Ștefan cel Mare‘ und kleinere lokale Vereinigungen und Bürgergruppen, die jeweils einen Teil des Ganzen abdecken: rechtliche Unterstützung, Bildung, Kinderschutz, psychosoziale Fürsorge, geschlechtsspezifische Gewalt usw. Wir bringen Familien zusammen und stimmen regelmäßig in Arbeitsgruppen unsere Bestrebungen ab, anstatt sie zu duplizieren.“
Eyal: „Unsere Zusammenarbeit mit lokalen jüdischen Gemeinden und Partner-NGOs ist grundlegend für alles, was wir tun. Sie sind unsere ‚Augen und Ohren‘ vor Ort – sie kennen den lokalen Kontext am besten, helfen uns, echte Bedürfnisse zu erkennen, unmittelbare Risiken zu bewerten und komplexe Logistik zu meistern. Diese Synergie ermöglicht es uns, außergewöhnlich agil zu sein: Dank dieser etablierten lokalen Netzwerke können wir innerhalb weniger Tage auf Krisensituationen reagieren und dringende Hilfe genau dort liefern, wo sie am dringendsten benötigt wird. Die größten Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, ergeben sich direkt aus den Realitäten des Krieges: anhaltender Beschuss, durch Stromausfall verursachte Versorgungsstörungen und steigende Preise für Waren und Logistik. Darüber hinaus bleibt es eine ständige Mühe, die Kommunikationslücke zwischen den harten Realitäten vor Ort in der Ukraine und den Erwartungen oder bürokratischen Verfahren internationaler/deutscher Partner zu überbrücken.“
Was würdet ihr als Erfolgserlebnis oder auch positive Momentaufnahme eurer alltäglichen Arbeit bezeichnen?
Gianina: „Einige der Momente, die uns bleiben, sind nicht die, die es in einen Bericht oder in eine Statistik schaffen. 2022 veranstalteten wir eine unserer ersten Aktivitäten: Ukrainische Kinder und ältere rumänische Frauen, nebeneinander an denselben Tischen, malten denselben Himmel, dieselben Häuser, die unter Ballons schwebten. Seit wir 2023 unseren Hub in Suceava eröffnet haben, wiederholt sich dieser Moment in verschiedenen Formen:
Ein Wandgemälde zum Weltflüchtlingstag, eine öffentliche Ausstellung ‚Vivid Visions‘ von jungen Menschen, die ihre Werke noch nie jemandem gezeigt haben, ein Nachmittag Eislaufen, der nichts mit einem Programmziel zu tun hat, sondern Kinder einfach Kinder sein lässt. Ein besonderer Erfolg ist das therapeutische Buch für Kinder, das wir mit unseren geschulten Freiwilligen mit Fluchthintergrund konzipiert haben. Sie verarbeiten Erfahrungen, für die sie noch keine Worte haben. Einem Kind dabei zuzusehen, wie es seine eigenen Gefühle auf der Seite erkennt – diese Art von Erfolg ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen.“
Eyal: „Im Laufe der Zeit haben wir unzählige erfolgreiche Missionen abgeschlossen, was es schwer macht, nur eine auszuwählen. Für mich passieren die bedeutungsvollsten Momente am Ende jedes abgeschlossenen Einsatzes. Zu wissen, dass unser Team sicher ist und eine bestimmte Anzahl von Menschen – ob 50, 100 oder eine ganze Gemeinschaft – wichtige Hilfe erhalten hat, bringt meiner täglichen Arbeit große Freude und Zufriedenheit.“
Die Nachrichten aus der Ukraine sind alles andere als hoffnungsvoll. Russische Angriffe auf zivile Infrastruktur setzen sich fort, ein Kriegsende scheint noch weit entfernt. Wie schützt und stärkt ihr eure eigene Resilienz?
Gianina: „Was hilft, ist etwas, das wir auch den Menschen, mit denen wir arbeiten, vermitteln: Resilienz bedeutet nicht, immer positiv gestimmt zu sein, vor allem bei Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Viel eher mit dem verbunden zu bleiben, was man hat. Wir nehmen unsere eigenen Ratschläge ernst. Unser Programm ist für die Freiwilligen und Teams konzipiert, die mit gefährdeten Gemeinschaften arbeiten, widmet sich der Prävention von Burnout, emotionaler Selbstfürsorge und dem Erkennen eigener Grenzen. Wir schaffen bewusst Platz für kleine Erfolge: ein Teamessen, ein Weihnachtstreffen, Eislaufen mit den Kindern. Nichts davon stoppt den Krieg. Aber es ermöglicht uns, für die Menschen da zu sein, die uns brauchen. Ein Großteil unserer Widerstandskraft kommt von den Menschen, die wir unterstützen. Zu sehen, wie eine Familie nach so viel Verlust wieder etwas aufbaut – eine Routine, eine Freundschaft, ein Gefühl von Zuhause – ist das überzeugendste Argument dafür, dass es sich lohnt, diese Arbeit Tag für Tag fortzusetzen.“
Eyal: „In vielerlei Hinsicht liegt die Antwort direkt in der täglichen Wirkung unserer Arbeit. Die greifbaren Ergebnisse unserer Einsätze zu sehen und zu wissen, dass unsere Bemühungen direkt Leben retten und Leid lindern, bietet eine unglaubliche Quelle innerer Stärke. Sich auf das zu konzentrieren, was wir kontrollieren können, auf Teamsolidarität zu vertrauen und unser Kernziel ins Zentrum zu stellen, hält uns trotz des anhaltenden Krieges und der schweren Nachrichten widerstandsfähig.“
Herzlichen Dank und weiterhin viel Kraft für eure Arbeit!