Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST

Editorial von Aron Schuster, Direktor der ZWST

Aron Schuster am PC

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde, die etwas abgedroschene Redewendung „Haltung zeigen“ wird für Politik, zivilgesellschaftliche Akteure, aber auch für die ZWST als sozialer Dachverband zunehmend zu einer anspruchsvollen Herausforderung für das strategische und das alltägliche Wirken. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig, komplex und bergen die Gefahr, sich zu bequemen und einfachen Antworten hinreißen zu lassen.  

So benötigt die Ukraine im dritten Kriegsjahr nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands weiterhin unsere uneingeschränkte Solidarität und militärische Unterstützung, um den Kampf David gegen Goliath bestehen zu können und um die liberalen Demokratien Europas zu verteidigen. 

Bekenntnisse zur historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels dürfen, um die Worte Angela Merkels 2008 in der Knesset zu zitieren „in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben“. Die Bewährung ist jetzt. Gelingt es Israel nicht, die Terrororganisation Hamas wenigstens für die nächsten 5 bis 10 Jahre zu zerschlagen, ist die Sicherheit der israelischen Zivilbevölkerung massiv bedroht. 

Im Inland bedarf es kontinuierlicher Abgrenzung gegenüber Extremisten und Populisten. Wer Hass sät, Strukturen der Wohlfahrtspflege bekämpfen will, gegen Zugewanderte hetzt, Geschichte umschreibt, Schächten und Beschneidung verbieten will, spricht Jüdinnen und Juden das Recht ab, in diesem Land zu leben. Die viel zitierte Brandmauer hat auch in der Zivilgesellschaft in jüngster Zeit Schwachstellen offenbart. Es gilt weiterhin, vermeintliche Unterstützungsangebote der AfD entschieden zurückzuweisen. 

Die Debatte zur Weiterentwicklung muslimischer Wohlfahrtspflege war Anlass zur Definition klarer Kooperationskriterien. Die Anerkennung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die Unabhängigkeit finanzieller Unterstützung von Akteuren, denen Menschenrechtsverletzungen zu Lasten gelegt werden und die öffentliche Absage von Rassismus und Antisemitismus sind Voraussetzungen für den Dialog mit muslimischen Verbänden. Da diese Voraussetzungen bei zentralen Verbänden nicht gegeben sind, werden die liberalen verlässlichen Partner auf muslimischer Seite gestärkt. 

Die Frage, welchen Stellenwert die Fürsorge für die Schwächsten in unserer Gesellschaft hat, kann angesichts einer fehlgeleiteten Debatte über Bezahlkarten für Geflüchtete, die die Bildungschancen von Kindern massiv benachteiligen wird und eines angeblichen Jobturbos, der Geflüchtete massenhaft unter ihrem eigentlichen Qualifikationsniveau in prekäre Arbeitsverhältnisse presst, nur schwer beantwortet werden. 

Ob politische Prestigeprojekte zur kurzfristigen Wählerbefriedigung haushaltspolitischen Vorrang vor der strukturellen Absicherung des sozialen Sektors sowie der Wohlfahrtspflege als tragende Säule des Sozialstaats erhalten, wird sich noch zeigen. „Haltung zeigen“ ist weit mehr als eine Plattitüde und wird uns alle in der Zukunft noch sehr viel Entschlossenheit, Authentizität, Ausdauer, Integrität und nicht zuletzt Empathie abverlangen. 

Ihr Aron Schuster, Direktor der ZWST