Die Menschen in der Ukraine nicht vergessen

Die Menschen in der Ukraine nicht vergessen

Ein kleiner Kreis von Menschen vor einem Krankenhaus

Field Mission von ZWST und OlamAid in Rumänien und der Ukraine

Fast surreal wirkt der Siret-Grenzübergang zwischen Rumänien und der Ukraine. 2022 hatten zehntausende Menschen dort teilweise tagelang ausgeharrt, um die Grenze in die sichere Europäische Union passieren zu dürfen. Den Status Krieg und Frieden trennen ca. zehn Gehminuten. Unmittelbar nach Beginn der Vollinvasion war OlamAid e.V., Mitgliedsorganisation der ZWST, eine der ersten Hilfsorganisationen vor Ort. Vom 1.-3. September hatte eine kleine Delegation der ZWST nun erstmalig seit Beginn des russischen Angriffskrieges die Möglichkeit, sich ein Bild von einigen der vielen seither entstandenen Projekte zu verschaffen. 

Die Delegation reiste zunächst nach Suceava in Rumänien, um dort den Resilience Hub zu besuchen. Für viele vor Ort ansässige Hilfsorganisationen ist der Hub von OlamAid auch zu einem Treffpunkt und Ort des Austauschs geworden. Geflüchtete selbst berichteten, wie die Unterstützung im Hub ihnen dabei half, sich zu stabilisieren und mit den traumatischen Erlebnissen umzugehen. Auch die Jugendlichen, die mit ihren Müttern als Kinder geflüchtet waren und im Hub vielen, teilweise auch selbst organisierten Aktivitäten nachgehen, stellten sich mit einer kleinen Musikeinlage vor. Der liebevoll eingerichtete Hub lässt mit seiner warmen Atmosphäre schnell vergessen, wie viele Menschen hier mit schweren Schicksalen zunächst psychologische Stabilisierung benötigten, um mit einem neuen Alltag umgehen zu können. 

Direktor Aron Schuster dankte den Engagierten vor Ort für ihren unermüdlichen Einsatz, betonte die Bedeutung beständiger Netzwerke und die Verbundenheit der jüdischen Gemeinschaft mit den Menschen in der Ukraine. Aus dem Hub wurden darüber hinaus humanitäre Hilfsprojekte in der Region gesteuert, z.B. während der Fluten in Rumänien 2024 und 2025. Geflüchtete selbst wurden dort zu Helfenden. 

Am folgenden Tag reiste die Delegation über die rumänisch-ukrainische Grenze nach Tschernowitz. Zunächst besuchte man das Bukowina-Rehabilitationszentrum für Kinder mit Behinderungen, das von OlamAid seit 2023 regelmäßig unterstützt wird. Aron Schuster übergab dem Direktor des Krankenhauses den Erlös einer Spendenkampagne der ZWST in Höhe von 7.000 €, die für die Anschaffung von diagnostischer und therapeutischer Ausstattung eingesetzt werden. Außerdem erhielten die stationär behandelten Kinder kleine Care-Pakete. Im Anschluss besuchte die Gruppe einige traditionsreiche Orte jüdischen Lebens, das Restaurant und die Synagoge von Chabad sowie die kleine, aber aktive Gemeinde „Aviv“. Dort kam sie mit Vertreter:innen und Verantwortlichen verschiedener jüdischer Organisationen ins Gespräch, darunter Hesed, die in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion lebende Shoah-Überlebende versorgen. Im Mittelpunkt standen Fragen, welche Unterstützung aktuell gebraucht wird, wie der Krieg das Gemeindeleben verändert hat und welche Rolle die Gemeinde vor Ort für die zahlreichen Binnengeflüchteten spielt. Für sie ist Tschernowitz ein neues Zuhause geworden. Viele beschrieben die Gemeinde als eine große Familie, die in diesen schweren Zeiten füreinander da ist. Im Anschluss wurden anlässlich des bevorstehenden jüdischen Neujahrs mit Unterstützung durch die jüngeren Freiwilligen Lebensmittelpakete an ältere Mitglieder verteilt. Auch ältere Menschen in weiteren Gemeinden werden diese Pakete in den kommenden Wochen erhalten.

 Der Krieg wird im Westen der Ukraine erst auf den zweiten Blick wahrgenommen. Tschernowitz trägt seine bewegte Geschichte in sich und ist auch in Zeiten des Krieges ein prachtvoller Ort, an dem sich die Menschen ihre Hoffnung nicht nehmen lassen. Doch in vielen  Gesprächen wurde schnell deutlich, wie tief der Einschnitt ist, den der Krieg hinterlassen hat und die Menschen in ihrem Alltag seither begleitet, auch wenn sie, anders als in anderen Regionen der Ukraine, nicht täglich durch Raketenangriffe bedroht sind. Gemeindemitglieder, Ehemänner, Väter, Kinder und Enkel kämpfen und fallen an der Front, Verwandte sind in umkämpften Regionen zurückgeblieben. 

Die Hälfte der Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland hat ihre Wurzeln in der Ukraine. Der Krieg ist nur zehn Gehminuten von der Grenze der Europäischen Union entfernt. Die Ukraine braucht weiterhin unsere Unterstützung.  Laura Cazes, ZWST