"Vielfalt ist bei uns Alltag"

"Vielfalt ist bei uns Alltag"

Zwei leitende Fachkräfte im Gespräch
Letzte Abstimmungen zwischen Wolfgang Brockhaus und Elmira Schneider am Rande des Fachtags

„Pflege ist weit mehr als Körperpflege und Dokumentation, nämlich Bindung, Beziehung, Biografie und Menschlichkeit.“

Im Gespräch mit Wolfgang Brockhaus und Elmira Schneider
Leiter der Langzeitpflege und Ausbildungsleiterin im Adolf-Hamburger-Heim

Lieber Herr Brockhaus, liebe Frau Schneider, zum Fachtag gibt es eine interessante Vorgeschichte, die zeigt, weshalb das Adolf-Hamburger-Heim (AHH), das Seniorenwohn- und Pflegeheim der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, genau der richtige Veranstaltungsort für den fachlichen Austausch gewesen ist. Können Sie uns kurz den Weg zum Fachtag schildern? „Auf dem Weg zu unserem Ausbildungskonzept und mit vierzig Auszubildenden in unseren beiden Einrichtungen, der stationären und ambulanten Langzeitpflege im Adolf-Hamburger-Heim bzw. dem Pflegedienst NERIA, haben wir seit Start des Pflegeberufegesetzes im Jahr 2020 viele wertvolle Erfahrungen gemacht. Immer an der Praxis orientiert, haben wir dadurch auf viele Herausforderungen und Fragestellungen die richtigen Antworten gefunden. Daher sind wir genau der richtige Ort für den fachlichen Austausch.“

Welches waren in den Jahren zuvor die Hauptprobleme, die es für Sie im Ausbildungsprozess zu überwinden galt? „Lassen Sie uns das an drei wesentlichen Kernprozessen erläutern: Zum einen bei der Praxisanleitung, diese war nicht deutlich und klar strukturiert. Unsere Praxisanleiterinnen sind aus ihrer Schicht in der Pflege für zwei Stunden in die Praxisanleitung gegangen und danach wieder in ihre Schicht zurückgekehrt. Das war auf Dauer nicht tragbar. Es gab noch keine geplanten Praxisanleitungstage, keine Freistellung der Praxisanleitungen, das war einfach ‚nebenbei‘ organisiert.

Auch in der Kommunikation, im sogenannten ‚Wording‘, musste mit der Zeit allen Teams klar gemacht und diese überzeugt und mitgenommen werden, dass Ausbildung nur funktioniert, wenn das ganze Team Verantwortung übernimmt. Dann werden aus ‚deinen Azubis‘ plötzlich ‚unsere Azubis‘ – zumal diese ja seit 2020 auch keine ‚Praktikanten und Praktikantinnen‘ mehr sind. Auch diese Haltung wurde neben der Klarstellung, dass wir nicht mehr ‚die Altenpflege‘ sind und der Vermeidung damit verbundener, negativer Zuschreibungen, offensiv in die Kommunikationsstrategie mit aufgenommen. Heute sprechen wir von stationärem und ambulantem Langzeitpflegesetting, auf Augenhöhe mit der Akutpflege und anderen pflegerischen Arbeitsbereichen.

Und zum dritten war für den Beginn der Ausbildung der gesamte Recruiting- und Auswahlprozess sowie am Ende der Ausbildung das Übernahmeverfahren klar und eindeutig zu formulieren und innovativ zu gestalten – mit klaren Strukturen einerseits, aber auch mit der nötigen Durchlässigkeit und Flexibilität andererseits, um den Bedürfnissen der nachrückenden beruflichen Generation und den hohen Dynamiken im Personalbereich gerecht zu werden.“

Über Ihr preisgekröntes Ausbildungskonzept haben Sie es geschafft, einen vergleichsweise hohen Anteil an Auszubildenden im AHH und Pflegedienst Neria auch über das Ausbildungsende hinaus zu halten. Können Sie uns das Geheimnis verraten? „Unser Geheimnis ist eigentlich keines: Wir sehen unsere Auszubildenden bereits in der Ausbildung nicht als zukünftige Arbeitskräfte, sondern als zukünftige Kolleginnen und Kollegen. Wir bilden nicht nur aus, wir begleiten Menschen auf ihrem Weg in einen Beruf und zeigen, dass sie gebraucht werden. Jeder Azubi bekommt bei uns Ansprechpartner:innen, regelmäßige Feedbackgespräche, aber auch die Teilnahme an Fortbildungen ist bereits in der Ausbildung durchaus üblich. Wir zeigen unseren Azubis, dass wir stolz auf sie sind und dass sie in einem spannenden Pflegesetting mit vielen Einsatzfeldern und interessanten Einblicken in die Gesamtstruktur stationärer und ambulanter Langzeitpflege ihre Ausbildung absolvieren. Wer sich gesehen und wertgeschätzt fühlt, bleibt gerne. Wir investieren nicht nur in Fachwissen, sondern in Beziehungen.“

Unter dem Dach des AHH leben und arbeiten Menschen aus verschiedensten Nationen und Kulturen. Die Auszubildenden und späteren Angestellten wie auch die Bewohner:innen sind Botschafter:innen kultureller Vielfalt. Wie spiegelt sich diese Vielfalt im Zusammenleben der Menschen wider? „Vielfalt ist bei uns normal im Alltag und zeigt sich jeden Tag: morgens begrüßt eine Azubi aus der Mongolei eine Bewohnerin aus Ukraine, mittags erklärt ein Kollege aus Togo einem Azubi aus Indien eine neue Pflegemaßnahme und am Nachmittag sitzt eine Bewohnerin aus Hamburg mit einer Auszubildenden aus Kroatien zusammen und tauscht Lebensgeschichten aus. Vielfalt merkt man bei uns überall: in den Sprachen, auf Wohnbereichen, in den Geschichten der Auszubildenden, Mitarbeiter:innen und Bewohner:innen. Besonders schön ist, dass unsere Auszubildenden voneinander lernen, man merkt bei uns, wie selbstverständlich Menschen miteinander umgehen können.  Und wenn dann mal ein Missverständnis entsteht, was sich natürlich nie vermeiden lässt, wird die Aufklärung darüber oftmals mit Humor getragen.“

Wie gelingt es Ihnen, neben den alltäglichen Herausforderungen in der Pflege kulturelle Differenzen zu überwinden? „Wir suchen das Gemeinsame und Verbindende – jeder hat Familie, sein soziales Umfeld, seine Sorgen, Nöte und Freuden, seine Lieblingsbeschäftigungen. Und dafür interessieren wir uns und betrachten dies als Lernchance. Begegnung findet auf Augenhöhe mit Respekt, Neugier und Achtsamkeit statt. Dadurch, dass wir darauf achten, dass jede Azubi-Community eine aus ihrem Kulturkreis stammende Praxisanleitung hat, bauen wir zusätzliche Brücken und schaffen Verstehen und Verständigung.“

Wie schaffen Sie es, trotz administrativer Probleme, alltäglicher Routinen und einer von Vielfalt geprägten Gemeinschaft in Ihrem Haus, die Besinnung auf jüdische Ethik wachzuhalten und in das Leben und die Arbeit aller Beteiligten einzubinden?  „Haptisch und sinnlich erlebbar ist natürlich die koschere Küche im Haus, die – einhergehend u. a. mit Trennung von Besteck und Geschirr – alle im Haus lebenden und arbeitenden Menschen versorgt. Zudem wird durch das Begleiten des jüdischen Jahreskreises und der Feiertage Jüdischkeit erlebbar. Und es sind natürlich die vielen kleinen, flankierenden Gelegenheiten wie z. B. ein Geschenk aus dem koscheren Laden bei uns im Haus, Fortbildungen durch den Rabbiner sowie halbjährliche Synagogenführungen und Teilnahme an Exkursionen in das Jüdische Museum Franken, die wir den Auszubildenden anbieten, um diese an Kultur und Tradition heranzuführen.“

Sie haben es aus eigener Kraft geschafft, das Adolf-Hamburger-Heim und den Pflegedienst Neria gut für die Zukunft zu rüsten. Welche Unterstützung würden Sie sich für diesen Weg aber dennoch von staatlicher oder verbandlicher Seite wünschen? „Natürlich weniger Bürokratie, um weniger Zeit am Schreibtisch mit vielen Formularen verbringen zu müssen. Ausbaufähig sind sicherlich auch die Sprachförderung und die Integration. Weitere Punkte wären eine digitalisierte Einsatzplanung zwischen den unterschiedlichen Schulen und Praxisorten und natürlich eine weiterhin auskömmliche Finanzierung.“

Welches Projekt oder welchen Ansatz in Pflege und Ausbildung würden Sie zusätzlich zum erfolgreichen Ausbildungskonzept gern noch verwirklichen? „Ein Beispiel für Pflege und Ausbildung wäre, dass jeder Auszubildende einen Bewohner oder eine Bewohnerin über längere Zeit begleitet – mit seinen oder ihren Lebensgeschichten, Fotos mit ihm oder ihr sichtet, Zeit für das Zuhören hat – einfach von Mensch zu Mensch. Denn so lernen junge Menschen, dass Pflege weit mehr als Körperpflege und Dokumentation ist, nämlich Bindung, Beziehung, Biografie und Menschlichkeit. Und ein Projekt, dessen Verwirklichung wir bereits für das Jahr 2027 vorsehen, ist die Implementierung der dann bundesweit verbindlich und einheitlich geregelten Pflegeassistenzausbildung. Aber da blicken wir zuversichtlich und gut aufgestellt in die Zukunft.“ 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Kraft und Erfolg für Ihre weitere Arbeit!  Dr. Rüdiger Traxler, ZWST Berlin